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Federn-True-Crime
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5 Min.
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044–045

Der Pfeilstorch

Über tausend Kilometer und über das Meer ist dieser Storch mit einem Pfeil im Hals geflogen – und lieferte 1822 den ersten sichtbaren Beweis für den Vogelzug.
Von der Redaktion
Präparierter Weißstorch, von einem langen Pfeil durchbohrt
Der Pfeilstorch von 1822.
Zoologische Sammlung der Universität Rostock

Im Mai 1822 tauchte an der Ostsee, in Mecklenburg, ein ganz besonderer Weißstorch auf, der ziemlich berühmt werden sollte: Der Pfeilstorch. Markant daran zu erkennen, dass ihm ein – wie man zunächst vermutete – Stock im Hals steckte. Das Abendblatt berichtete. Einige Tage später sollte die Neugierde befriedigt werden: Man schoss den Storch vom Himmel, am Gut des Grafen von Bothmer.

Präpariert und vorbereitet überbrachte man ihn dann an die Zoologische Sammlung der Uni Rostock, in die Hände des Botanikers Heinrich Gustav Flörke, der das Tier untersuchte und feststellte: Das war gar kein Stock, sondern ein Pfeil aus tropischem Holz, mit eiserner Spitze, der den Storch geradezu durchbohrt hatte. Spektakulär! Denn das war der erste tatsächliche, physisch sichtbare Beweis für den winterlichen Langstreckenflug der Vögel.

Flörke schrieb an den Rektor: „… so lässt sich auf ein sehr entferntes Winterquartier schließen, wo dieser Storch den Schuss erhalten hat. […] Ein edleres Organ ist nicht verletzt, und nur so ist es uns erklärlich, wie der Storch diesen Pfeil […] auf seiner weiten Reise mit sich hat herumführen können.“, so die Quellen der Universität Rostock.

Dass Vögel im Winter verschwinden, wusste man zwar schon in der Antike. Homer schreibt in der Ilias über ziehende Vogelschwärme, und Herodot wusste, dass Störche und Schwalben in Ägypten überwintern. Trotzdem kursierten die wildesten Theorien. Aristoteles meinte, Störche würden Winterschlaf in hohlen Bäumen halten, und Carl von Linné, ein Begründer der modernen, aufgeklärten Biologie und Taxonomie, aber ebenso ein Begründer des sogenannten wissenschaftlichen Rassismus (ja, die Klassifizierung von Pflanzen und Tieren machte vor Menschen keinen Halt und führte – in einer Hochzeit des Kolonialismus – dazu, dass man die Existenz von Menschenrassen und damit verbundene rassistische Abwertungen vermeintlich wissenschaftlich begründete), Carl von Linné also glaubte, Schwalben würden sich im Schlamm am Grund von Seen eingraben.

Erst mit dem Pfeilstorch von 1822 gab es einen Beweis für eine andere Theorie: Vögel fliegen kilometerweit in den Süden. Heute ist klar: Störche aus Mittel- und Nordeuropa legen bis zu 5.000 Kilometer zurück. Aber wie genau und warum sich welche Vögel wie organisieren, warum sie welche Flugrouten auswählen, und warum manchmal sogar Geschwister unterschiedliche Wege fliegen, das weiß man selbst heute nicht ganz genau.

Zwei Weißstörche in einem Horst vor blauem Himmel
Der Patenstorch. © Anna Tsareva

Wo ist Eva?

Hände befestigen einen Ring am Bein eines jungen Storchs
Beringung: So kommen die Sender an die Störche.

Von Weißstorch Eva hat Kai-Michael Thomsen, Storchenexperte bei NABU, schon länger nichts mehr gehört. Wahrscheinlich ist der Sender ausgefallen. Auch von den anderen Störchen bleiben die Nachrichten gerade eher aus. Denn der Sender, der am Rücken der Störche befestigt ist, funktioniert über das Mobilfunknetz, und das ist in den Sahel-Gebieten oder im Sudan, wo sich die Störche im Dezember oft aufhalten, nicht erreichbar.

Irgendwann im Februar oder März, so Kai-Michael Thomsen, ploppen die Nachrichten wieder auf – sobald die Störche wieder Ägypten erreichen. Ob der von Eva auch dabei sein wird? Wir werden es herausfinden. Auf www.thekuriousmag.com/postfuermich könnt ihr euch für unseren Newsletter anmelden und auf dem Laufenden bleiben.

Einstweilen eine Nachricht von Storch Max

Landkarte mit einer rot gepunkteten Zugroute von Europa über Ägypten in den Tschad
Max’ Route: über den Assuanstausee und den Nil nach Süden, dann quer über die Wüste.

Seit mehr als drei Wochen hatten wir keine Informationen von Max erhalten. Damals zog er gerade durch Ägypten. Jetzt gab es wieder neue Meldungen von ihm aus dem Tschad. Am 5. September zog Max entlang des Assuanstausees und des Nils nach Süden. Am nächsten Tag drehte er auf einen südwestlichen Kurs um, über die Wüste Richtung Tschad zu ziehen. Für die Wüstenquerung brauchte er drei Tage, dann hatte er die Sahelzone im Tschad erreicht. Dabei legte er täglich über 400 Kilometer zurück.

Störche auf Reisen auf: blogs.nabu.de

Zum Anhören
Dieser Text ist zuerst im gedruckten The Kurious Magazine erschienen. Das ganze Heft gibt es hier.
The Kurious Magazine
Issue One
044–045