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Der Kurious Letter
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8/5/2026

4000 Wochen Lebenszeit ⏳

Ein Experiment am Freitagnachmittag: über die eigene Endlichkeit – und warum dieses Wochenende eines von ungefähr 4.000 ist.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Meine Kollegin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt. Plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.

Heute geht es um unsere Endlichkeit. Ja, richtig gelesen. Denn das Buch, das ich heute besprechen werde, hat mich als existenziellen Millennial so mitgenommen, dass ich beschlossen habe, den ganzen Newsletter in dessen Zeichen zu stellen.

Weiter unten gibt es außerdem Buchempfehlungen von euch. Nach meinem letzten Newsletter zum Thema "Lesen" habe ich nämlich einige bekommen und beschlossen, sie ab jetzt regelmäßig hier zu veröffentlichen. Also, wenn du Empfehlungen für den nächsten hast, dann bitte hier eintragen. Ok. Viel Spaß – und einen schönen Start ins Wochenende!

Andreas in einem Blumenbusch

Das ist also ein Experiment.

Ich habe mit meiner Partnerin darüber gesprochen, dass ich in dieser Ausgabe über das Sterben schreiben möchte. Oder sagen wir vorsichtiger: über begrenzte Lebenszeit. Und obwohl sie ziemlich genau weiß, warum mich dieses Thema gerade beschäftigt, meinte sie, sie könne sich gut vorstellen, dass Menschen, die diesen Newsletter abonniert haben, nicht unbedingt begeistert sind, wenn ihnen am Freitagnachmittag jemand schreibt: Übrigens, auch du wirst sterben.

Das ist also ein Experiment. Mal sehen, wie viele von euch jetzt noch weiterlesen.

Wobei es mir natürlich nicht darum geht, hier schlechte Stimmung zu verbreiten. Also nicht absichtlich zumindest. Eigentlich geht es mir sogar um das Gegenteil. Es geht mir um die Frage, was es bedeutet, eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten zu haben. Und was man mit dieser Zeit macht. Nicht im großen, pathetischen Sinn, sondern ganz konkret: an einem Freitagnachmittag. An einem Wochenende. In den freien Zwischenräumen, die einem dieses Leben lässt.

Das ist ja im Grunde genau die Frage, die auch unser Magazin stellt: Wie wollen wir diese Zwischenräume ausfüllen? Wenn man The Kurious Magazine durchblättert, wirkt es auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen random: Freundschaften. Hobbys. Gespräche. Bücher. Vögel. Wrestling. Museen. Spaziergänge. Abenteuer. Briefe usw. usf. Die Idee dahinter ist aber nicht Randomness, sondern dich in etwas stolpern zu lassen, das dich interessiert. Am besten in etwas, von dem du vorher noch gar nicht wusstest, dass es dich interessiert. Und vielleicht stellt sich dann ganz von selbst die nächste Frage: ob du nicht auch Lust hast, etwas Neues auszuprobieren, neue Gedanken zu denken, einen Brief zu schreiben, oder rauszugehen, um etwas zu erleben.

Bild aus dem Newsletter

4.000 Wochen

Und dieser Gedanke bringt mich jetzt eben auch zu dem Buch, dass ich hier sowieso schon länger vorstellen wollte: Four Thousand Weeks von Oliver Burkeman. Ich nehme die Pointe gleich vorweg: Der Titel bezieht sich auf die ungefähre Lebenszeit eines Menschen. 4.000 Wochen. Das sind, wenn man es ausrechnet, ungefähr 77 Jahre. Natürlich ist das nicht exakt. Manche Menschen leben kürzer, manche länger. Frauen im Durchschnitt länger als Männer. Menschen mit guter medizinischer Versorgung länger als Menschen ohne. Es gibt Regionen, Lebensumstände, Krankheiten, Glück und Pech. Aber im Schnitt kommen 4.000 Wochen einer Lebenszeit sehr nahe.

Wenn man sich diese 4.000 Wochen als einen Kalender vorstellt, mit kleinen Kästchen für jede Woche eines Lebens, dann liegt mein Kreuz (nur wenn alles gut geht, wenn alles halbwegs optimal läuft, wenn ich zu jenen Menschen gehöre, die dieses große Glück haben, ziemlich lange und ziemlich gesund zu leben!) schon hinter der Mitte dieser 4.000 Wochen.

Ich weiß nicht, wo du gerade stehst. Aber ich fand diesen Gedanken ziemlich heftig. Nicht, weil ich vorher nicht gewusst hätte, dass das Leben endlich ist. Das ist ja keine neue Information. Aber es ist etwas anderes, das abstrakt zu wissen, oder es plötzlich als Zahl greifen zu können. 4.000 Wochen. Und dann nicht mehr 4.000. Sondern vielleicht 2.000. Oder weniger. Und genau dieses Verstehen der eigenen Endlichkeit macht die Frage nach dem Wie in diesem Leben, also: Wie möchte ich leben? Was möchte ich mit meiner kostbaren Zeit tun?, sehr viel wichtiger.

Zeitmanagement für Sterbliche

Burkeman schreibt, dass aber auch eine Falle in diesem Gedanken liegt: Denn diese 4.000 Wochen können bei manchen auch das Gegenteil auslösen. Sie wollen sich noch mehr optimieren. Früher aufstehen. Effizienter arbeiten. Schneller lesen. Bessere E-Mail-Vorlagen verwenden und generell aus dem eigenen Leben ein Projekt mit sauberer Wochenplanung machen. Nur: Es wird immer mehr Bücher geben, als du lesen kannst. Mehr Orte, als du besuchen kannst. Mehr Menschen, als du kennenlernen kannst. Mehr Nachrichten, als du verstehen kannst. Mehr Möglichkeiten, als in ein einziges Leben passen.

Der Glaube, diesen Wahrheiten mit noch mehr Produktivität aus dem Weg gehen zu können, tappt nur in dieselbe Falle: sich ein Leben zu bauen, das getrieben ist und blind für die Dinge, die wirklich zählen.

In gewisser Weise ist dieser Gedanke, über die Endlichkeit zu einem bewussteren Leben zu finden, auch nichts Neues. Es gibt ja in ganz unterschiedlichen religiösen und philosophischen Traditionen Übungen, bei denen man sich ganz bewusst daran erinnert, dass man nicht ewig da ist. In der christlichen Tradition zum Beispiel den Aschermittwoch, mit diesem sehr direkten Satz: Asche zu Asche, Staub zu Staub. Im Buddhismus gibt es sogar eine Meditationsform, die Maraṇasati heißt, also Achtsamkeit auf den Tod. Teil davon sind Leichenbetrachtungen, bei denen man sich mit verschiedenen Stadien des Verfalls eines Körpers beschäftigt. Das klingt natürlich total makaber. Aber irgendwie ist es auch extrem radikal ehrlich. Weil es einen Unterschied macht, ob man den Tod nur als Konzept irgendwo im Kopf hat, oder ob man ihm richtig begegnet.

Denn die Selbstlüge, so etwas wie ein unendliches Leben zu haben, dieses Gefühl, dass alles immer weitergeht, ist sehr mächtig. Und genau deshalb finde ich es zwar unangenehm — ich fürchte mich sehr vor meinem Tod, wenn ich ehrlich bin —, aber auch extrem wichtig, mich regelmäßig an meine Endlichkeit zu erinnern. Denn genau da liegt dieser kleine Korridor an Freiheit, den man in seinem Leben finden kann.

Also auch dieses Wochenende ist nicht einfach nur irgendein Wochenende. Es ist eines von ungefähr 4.000.

Liebe Grüße Andreas

Das sind die aktuellen Buchempfehlungen, die ihr mir zugesendet habt. Ich freue mich drauf einige davon zu lesen!

  • T. C. Boyle – „Die Terranauten“ Eine Leser:innen-Empfehlung für alle, die Lust auf ein großes Gedankenexperiment haben: Eine Forschergruppe lässt sich in einer künstlichen Biosphäre einschließen. Das Setting basiert lose auf einem realen Experiment und verbindet Wissenschaft, Gruppendynamik und die Frage, was passiert, wenn Menschen auf engem Raum eine bessere Welt simulieren wollen.
  • Daniel Quinn – „Ismael“ Ein philosophisches Gedankenexperiment in Romanform: Ein Gorilla spricht mit einem Menschen über die Menschheit, Kultur und unseren Umgang mit der Welt. Empfohlen für alle, die gerne die Perspektive wechseln und sich fragen, wie eine nichtmenschliche Intelligenz auf uns Menschen blicken würde.
  • Gudrun Seidenauer – „Libellen im Winter“ Eine Empfehlung aus Wien: spannend, poetisch erzählt und mit lokalem Bezug. Klingt nach einem Buch für alle, die Geschichten mögen, die leise, atmosphärisch und sprachlich schön sind.
  • Donna Tartt – „Die geheime Geschichte“ / „The Secret History“ Ein moderner Dark-Academia-Klassiker, der oft als Thriller gelesen wird, eigentlich aber auch eine Kritik an Elitismus, Intellektuellen-Romantik und Selbstinszenierung ist. Der Mord steht von Anfang an fest — spannender ist die Frage, warum es dazu kommt. Atmosphärisch, elegant und ziemlich vereinnahmend. Danke für eure Tipps! Das nächste mal vll mit Vornahmen schicken, dann kann ich euch persönlich erwähnen. Hier könnt ihr mir neue Buchempfehungen hinterlassen! Ich teile sie dann wieder im nächsten Newsletter!

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