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Der Kurious Letter
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19/6/2026

ADHS und Lebensträume ❤️‍🩹

Heute geht es mal wieder um mein Lieblingsthema: Gefühle. Genauer gesagt um ein ziemlich weirdes Gefühl, nämlich im falschen Leben zu stecken.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Meine Kollegin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.

Heute geht es mal wieder um mein Lieblingsthema: Gefühle. Genauer gesagt um ein ziemlich weirdes Gefühl, nämlich im falschen Leben zu stecken.

Andreas springt vor einem aufblasbaren roten Tor mit der Aufschrift: du bist toll!
Andreas springt vor einem aufblasbaren roten Tor mit der Aufschrift: du bist toll!

Vielleicht wäre ich Anwalt

Ich habe vor kurzem einen Freund getroffen. Er ist deutlich jünger und cooler als ich, Anfang 30. Gesprächsthema war, dass er mit ADHS diagnostiziert worden war. Dabei ist im Gespräch ein Satz gefallen, der mich seither ziemlich beschäftigt hat. Er sagte nämlich, er finde es schade, dass er nicht schon viel früher diagnostiziert worden war. Weil wer weiß, was sonst noch aus ihm geworden wäre. Vielleicht ein Anwalt.

Ich musste wirklich sofort lachen. Denn ich würde ihn wahrscheinlich als ABSOLUTES Gegenteil eines Jus-Studenten beschreiben. Das sage ich ganz unabhängig von seinen Qualitäten. Aber nein, es war eben kein Scherz, er meinte die Aussage todernst. Das hat mich dann doch überrascht und mein Humor hat sich in Mitgefühl gewandelt.

Dass dieser Mensch, der mit 26 schon seinen MA hatte und von außen zielstrebig seinen Weg verfolgt, dann aber offenbar trotzdem solche Gefühle gegenüber der eigenen Person und dem eigenen Leben entwickelt hat, machte mich traurig.

Denn es ist eine Unzufriedenheit, die so groß ist, dass er sich eigentlich wünscht, eine komplett andere Person zu sein. So als wäre da draußen noch etwas gewesen, das er unfähig war, sich zu nehmen. Als hätte ihn irgendetwas daran gehindert, sein eigentliches Leben zu leben.

Cover von Simone de Beauvoir: All Said and Done
Simone de Beauvoir: „All Said and Done“.

Das Gefühl kenn ich auch

Ich muss sagen, eigentlich kenne ich dieses Gefühl auch sehr gut. In meinem Leben sind viele Dinge nicht geradlinig verlaufen. Ich bin vollkommen orientierungslos mit 15 von der Schule. Habe dann über Umwege mit 24 doch noch auf die Uni gefunden, um mit 30 keine Ahnung zu haben, was ich eigentlich vom Leben will. Mein Leben hat sich falsch und zu spät angefühlt.

Damals habe ich geglaubt, ich sei damit sehr speziell. Etwas, das mit meiner Geschichte und meinem Weg zu tun hat. Aber je älter ich wurde, desto mehr merkte ich: Das ist überhaupt nichts Spezielles. Die meisten Menschen, die ich kenne – und ich hoffe sehr, du bist ausgenommen –, tragen oder trugen irgendeine Version dieses Gefühls mit sich herum. Zu spät und zu alt zu sein. Einen Weg eingeschlagen zu haben, der der falsche ist. Irgendeine Beschädigung zu haben.

Nicht ganz richtig gebaut zu sein für das Leben, das sie eigentlich leben sollten.

Das Leben, das ich eigentlich haben sollte

Aber was soll dieses andere Leben eigentlich sein? Denn man hat sich im Leben ja eigentlich sehr wenig ausgesucht. Man wurde irgendwo hineingeboren. In Familien und Verhältnisse. Man bekommt bestimmte Möglichkeiten und andere nicht. Man trifft Entscheidungen, ohne zu wissen, was sie bedeuten werden. Man geht irgendwo links, weil man gar nicht sieht, dass es rechts auch einen Weg gegeben hätte.

Das Leben ist ja genau dieser Weg. Dieses andere, fiktiv-mögliche existiert nur in der Rückschau. Wenn man gewusst hätte, was man da tut. Wenn man mehr gelernt hätte. Etwas anderes studiert hätte. Wenn man nicht mit Depressionen gekämpft hätte. Wenn man eine andere, eine frühere Diagnose erhalten hätte. Wenn der Vater kein Alkoholiker gewesen wäre. Wenn einen die Eltern nicht mit Leistungsdruck erdrückt hätten. Wenn sie sich nicht scheiden lassen hätten. Wenn sie sich scheiden lassen hätten.

Wenn man nicht so lange geglaubt hätte, dass man zu dumm, zu spät oder zu beschädigt ist. Wenn man früher jemanden getroffen hätte, der einem sagt: Du bist nicht falsch, du hast nur gerade noch keinen Plan. Usw. usf.

Nur existiert dieser mögliche Mensch halt nicht. Es gibt ihn nur als Fiktion. Als Gedanke. Als Vorstellung und Vorwurf. Und damit leiden wir nicht nur an dem, was uns tatsächlich passiert ist, sondern auch an der Vorstellung, dass irgendwo ein anderes Leben wartet, in dem wir endlich richtig wären.

Das Staunen über das eigene Leben

Ich bin vor kurzem über einen Text gestolpert, der genau an dieser Stelle angesetzt hat. Es war ein Blogpost über Simone de Beauvoir und die Frage, wie Zufall und Entscheidung zusammenwirken und uns zu den Menschen machen, die wir sind.

Dabei hat Beauvoir einen ganz anderen Ansatz zu dieser Fremdbestimmtheit des eigenen Wegs: Sie schreibt an einer Stelle, dass sie manchmal mit einem fast kindlichen Staunen aufwachte und sich fragte: „why am I myself?“ Warum bin ich eigentlich ich? Warum bin ich hier, in diesem Moment, in diesem Leben und nicht in irgendeinem anderen?

Es ist ein Staunen über das eigene Leben, von dem sie spricht. Nicht von einer Verbitterung. Denn dass man genau dieses Leben lebt, ist einfach ein unfassbarer Zufall. Beauvoir beschreibt, wie unwahrscheinlich schon die eigene Geburt ist. Dass genau diese Eltern einander begegnet sind. Dass davor deren Eltern geboren wurden. Dass sich unzählige Zufälle, Entscheidungen, Körper, Orte, Zeiten und Umstände so ineinander verschoben haben, dass am Ende genau dieses eine Leben entstanden ist. Nicht irgendeines.

Nicht ein besseres, nicht ein schlechteres, sondern dieses.

What stroke of chance has brought this about?

Also: Welcher Zufall hat das eigentlich alles hervorgebracht? Und ich finde, das ist eine sehr schöne Frage, weil man im Alltag ja meistens so tut, als wäre das eigene Leben irgendwie logisch. Aber das Leben ist nicht logisch. Nichts daran. Wir sind ein großer Zufall. Und das ist genau der Punkt. Dieses Gefühl, einen Abstand, eine eigene Unbestimmtheit zum eigenen Leben zu haben, ist ein Gefühl, das aus genau diesem Leben entsteht.

Glück ist zu lernen, die Schönheit in diesem Gefühl zu entdecken. Nicht, weil der eigene Weg immer schön oder glücklich ist. Das ist er nicht. Manches ist tragisch. Manches ist traurig. Vieles hätte man sich gerne erspart. Manche Umwege hätte man lieber nie gemacht. Manche Dinge hätten früher passieren sollen, manche später, manche am besten gar nicht. Aber es ist und bleibt das eigene Leben. Nicht das perfekte. Nicht das alternative.

Nicht das Leben, das irgendwo in einem Paralleluniversum auf uns wartet, in dem wir endlich richtig wären. Sondern dieses eine, seltsame, zufällige, manchmal schiefe, manchmal schöne Leben, in dem wir jetzt stehen. Und da kann man eigentlich nur staunen!

Simone de Beauvoir, 1946
Simone de Beauvoir, 1946. (Photograph: Henri Cartier-Bresson)

Der Blogpost, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat

Der Blogpost heißt „Simone de Beauvoir on How Chance and Choice Converge to Make Us Who We Are“.

Falls du den Blog The Marginalian noch nicht kennst, kann ich ihn dir auch wärmstens ans Herz legen!

Schönes Wochenende und liebe Grüße

Andreas

Lass uns zusammen Neugierig sein!