← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Heute kommt die Freitagspost von mir, Iris. Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier ja wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.
Und heute bring ich euch gleich mehrere tiefgründige Gedanken mit :), zwei Podcast- und eine (oder eigentlich drei) Buchempfehlung inklusive.
Ich war nämlich ein paar Tage am Meer – und wo, frage ich euch, hat man mehr nostalgische Gedanken als am Meer? Deshalb erzähle ich euch heute von einem Buch, das ich in meinem Leben am häufigsten weiterempfohlen habe, und von einem Podcast, den ich bisher bestimmt den meisten Menschen ans Herz gelegt habe.
Viel Spaß!

Zeit am Meer bedeutet für mich: Bücher lesen. Den ganzen Tag draußen sein, das Meer rauschen hören, die Sonne durch die Blätter durchscheinen sehen und dann noch ein oder zwei gute Bücher lesen. Mann, ich liebe das. Und deshalb gibt es auch überraschend wenige Fotos von diesem Urläubchen. Eines von mir im Meer (oben) und eines von der Katze, die uns jeden Tag besucht hat (unten).
Als Vorbereitung darauf, welche Bücher ich denn mitnehmen könnte, hab ich vor einiger Zeit einen Buchpodcast für mich entdeckt, obwohl es ihn auch schon seit einigen Jahren gibt: Eat Read Sleep heißt er, und vielleicht kennt ihr den ja. Ein Podcast über Bücher aus der NDR-Redaktion, sehr lieb gemacht, weil sich die Hosts immer wieder mal über einzelne Bücher in die Haare kriegen, ob sie die denn gut finden oder nicht.

Auf der Rückfahrt haben wir, also meine Frau und ich, dann auch eine Folge davon im Auto gehört. Und weil ich die neueren Folgen alle schon kannte, begann ich mal runterzuscrollen. Bis ich auf eine Folge zu autofiktionaler Literatur stieß. Kennt ihr das? Das ist anscheinend der Begriff für vieles, das ich meistens richtig gut finde: Bücher, die nah am Leben der Autor:innen geschrieben sind, aber keine Biografien. Das eigene Leben, die eigenen Erfahrungen sind der Ausgangspunkt.
Nun ist das anscheinend zu einem eigenen Genre geworden. Und Menschen, die was mit Literatur am Hut haben, streiten sich – wie das bei Literatur zumindest im deutschsprachigen Raum absolut notwendig zu sein scheint – darüber, ob das denn Literatur sei oder nicht. (Warum genau man einem Buch mit Leser:innenschaft den Begriff Literatur absprechen muss – who knows? - aber ja.)
In der Podcast-Episode ging es um Édouard Louis und sein neuestes Buch (das ich nicht kenne. Aber das alte, Das Ende von Eddy, und das fand ich auch fantastisch).
Und da, in diesem Moment, im Auto, am Weg vom Meer nach Hause, mit der Frage aus den Lautsprechern, ob das denn literarisch genug sei, wenn man keine Personen erfinde, sondern sie direkt und ohne es zu verschleiern aus dem eigenen Leben nehme (EP 138 Brotzeit und Autofiktion), und mit einem Buch im Kopf, das ich gerade am Meer gelesen hatte und deren Protagonistin (die der Autorin doch sehr nahe ist) durch eine Zeitreise im Körper eines jungen Mannes Anfang des 20. Jahrhunderts in London inmitten einer Gruppe indischer Revolutionäre und Freiheitskämpfer aufwacht (Antichristie von Mithu Sanyal), dachte ich mir:
Wenn du jetzt beginnst, ein Buch zu schreiben: Welche Figur würdest du erfinden? Aus welcher Perspektive heraus würdest du gerne mal die Welt sehen? In welches andere Leben und in welche andere Zeit würdest du dich hineinversetzen wollen?
Ha! Was für eine Frage! Also wenn das nicht ein guter Anti-Small-Talk-Gesprächseinstieg ist, weiß ich auch nicht weiter.
Aber zurück zur Autofiktion.
Denn durch dieses Podcast-Streitgespräch ist mir ein anderes Buch eingefallen, das wahrscheinlich das Buch ist, das ich in meinem Leben am öftesten weiterempfohlen habe.
Den Tipp dazu hatte ich aus einem Podcast, den ich wiederum noch öfter Menschen ans Herz gelegt habe. Und der – nachdem keine neuen Folgen mehr produziert werden – eine riesige Lücke in meinem Audiokonsum hinterlassen hat.
Der Podcast, um den es geht, heißt Longform.
Das Buch, um das es geht, heißt Motherhood.
Tatsächlich, ich hab nochmal nachgeschaut, erschien die Folge 2018. Genauso wie das Buch. Ein Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich sehr viel über das Kinder-kriegen nachgedachte. Über die Frage, ob und wie ich Kinder in meinem Leben haben möchte. Ob und wie ich zur Mutterschaft stehe und ob und wie ich - für mein Leben - über Adoption oder Pflegeelternschaft denke.
Und in diese Fragen, die für mich keine klare Antwort hatten, platzte dieses Buch genau zum richtigen Zeitpunkt hinein.
Motherhood von Sheila Heti ist eine 304 Seiten lange Antwort darauf.
Wobei Antwort eigentlich das völlig falsche Wort ist. Das Buch ist der Einblick in den Kopf einer Frau, die sich genau diese Fragen stellt und keine systematische Antwort findet. Sondern in diesem ständigen Kopfkreisel von Soll-ich-soll-ich-nicht-was-wäre-wenn-? mitunter ziemlich nervig wird. Erst ja. Dann Zweifel. Dann nein. Und wieder von vorne, während man ihr beim Leben zusieht.

Sheila Heti erzählt im Longform-Podcast, dass sie im Editing-Prozess viele Stellen raus nahm, die eher in eine essayistische Richtung gingen. Sie wollte – und so liest sich das auch –, den Wahnsinn dieser Frage, die so verdammt viele über Jahre mit sich rumtragen, zum Ausdruck bringen. Und boy oh boy tut sie das.
Mich hat die Protagonistin (die Sheila ist, aber nicht Sheila ist) auch in den Wahnsinn getrieben. Weil es so verdammt weh tut, wenn man sich selbst in etwas übertriebener Form wiedererkennt und sich denkt: Nein, also sooo bin ich dann auch wieder nicht (oder doch?).
Über die Jahre ist mir diese Protagonistin immer wieder in Form anderer Frauen begegnet. Denn – und das wird auch absolut klar in dem Buch – die Antwort auf diese Frage ist deshalb so verdammt schwierig, weil keine Antwort ohne gesellschaftliche Zwänge, ohne vorgefasste Bilder oder überdimensional große Erwartungen zu beantworten ist, weil es den Kopf gibt und die Hormone, weil man unweigerlich älter wird und den Ablauf der Zeit spührt und weil in diesem Bulg an Einschränkungen und Möglichkeiten nichts wirklich Sinn ergibt.
In einem Interview einige Jahre nachdem das Buch rauskam, sagte Sheila Heti:
Das klingt jetzt verrückt, aber in dem Moment, als das Buch veröffentlicht wurde, dachte ich mir: "So. Jetzt kannst du ein Kind machen". (...) Ich hatte mich aktiv befreit von all diesen unbewussten Gefühlen, die uns die Gesellschaft bei dieser Frage aufdrängt – und von meinen Hormonen. Ich fühlte mich zum ersten Mal frei genug, eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Und bevor ihr jetzt googelt "Hat Sheila Heti ein Kind?", kann ich euch sagen: Nein. Hat sie nicht. Aber das ist nicht der Punkt.
Denn dieses Buch ist für alle, die sich die Frage stellen, egal wie die Antwort ist. Und für alle, die einen Einblick in einen Kopf bekommen wollen, der im Loop dieser Frage gefangen ist.

Wer vorher oder nachher oder ganz unabhängig davon ein wirklich schönes Gespräch übers Schreiben, über die Intimität des Transkribierens (Notiz an mich selbst: darüber könnte ich einen ganz eigenen Letter schreiben), übers Kinderkriegen und einen sehr schönen Blick auf Autofiktion (auch wenn die das da nicht so nennen) bekommen will, hört am besten diese sehr alte Folge eines wirklich guten Podcasts.
Und zur Erinnerung, wenn ihr Empfehlungen (irgendwelche Empfehlungen) für uns habt, dann könnt ihr sie uns hier zukommen lassen! Viel Spaß und bis bald!
Iris