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Der Kurious Letter
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15/5/2026

Der Überdruss ist 1600 Jahre alt ... 🐼

Eine Erkenntnis, die mit einem Buchprojekt beginnt und bei einem Mönch in der Wüste endet: über den uralten Überdruss.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost von mir, Iris. Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.

Und heute will ich euch von einer überraschenden Erkenntnis erzählen, die mit einem Buchprojekt beginnt und mit einem Mönch in der Wüste endet. Zusammen gefasst, geht es um den 1.600 Jahre alten Überdruss.

Andreas vor rosafarbener Installationswand mit Blumen

Ein bisschen Kontext ...

Ich hol ganz kurz ein bisschen aus: Also wir – mein Co-Kompagnon Andi und ich – betreiben einen kleinen Verlag. Sisigrant nennen wir uns. Wir haben mit Podcasts und Audio Guides gestartet, aber über die letzten Jahre auch an einem riesigen, von uns initiierten Projekt gearbeitet, das wir vorgestern in einem der ältesten und wirklich schönsten Buchläden in Wien präsentiert haben. Es handelt sich um ein Buch mit einer fast 10-stündiger Audiodoku, und ich erzähl euch das hier nicht, um dafür Werbung zu machen (wenn ihr wollt, geb ich euch natürlich einen Link unten dazu, damit ihr euch das anschauen könnt) – sondern mir geht’s um was anderes: Denn bei der Präsentation ist mir ein Gedanke wieder neu aufgefallen, der super zu dem passt, was wir hier in diesem Newsletter mit euch teilen. Und deshalb beginne ich von ganz vorne.

Bild aus dem Newsletter

Das Projekt heißt Die Sieben Todsünden, und das soll hier bitte niemanden abschrecken. Die sogenannten Todsünden, also Gier, Maßlosigkeit, Hochmut, Wollust, Neid, Trägheit und Zorn waren für uns der Ausgangspunkt und Themengeber: Daniel, ein unfassbar guter Erzähler und Kunsthistoriker am Kunsthistorischen Museum in Wien, hat sich zu jeder "Sünde" ein Bild ausgesucht, und dann sind wir mit ihm raus in die Welt und haben Personen gefunden, die heute was dazu zu sagen haben: Wir haben Anne Brorhilker getroffen, die den größten Finanzskandal der deutschen Geschichte aufgedeckt hat, Wolfgang Bauer, einen Kriegsreporter der für Die Zeit arbeitet und der uns von Afghanistan und von der Ukraine erzählt hat, oder etwas wilder und popkultureller: Wir waren bei einem Wrestling-Match in Tokio und haben dort mit Thekla Kaischauri einen Abend verbracht.

Aber bevor wir auf diese Reisen gegangen sind, dachten wir uns: Wir müssen doch verstehen, wo dieses Konzept der Todsünden eigentlich herkommt. Und so sind wir auf eine der tollsten Theologinnen gestoßen, die – was für eine Jobbezeichnung – Moraltheologin ist und über Fragen von feministischer Theologie, assistiertem Suizid, Queerness und Transidentitäten in Bezug auf katholische Theologie wirklich kluge und progressive Dinge sagt.

Angelika kommt auch im Hörbuch vor, und so haben wir sie auch für das Podium der Buchpräsentation eingeladen, auch, weil sie Dinge einfach wunderschön erklärt.

Und dort hat sie nochmal über das gesprochen, was so perfekt zu diesem Newsletter passt: über den Überdruss.

Der Überdruss

Das Spannende an dem theologischen Ursprungskonzept der Todsünden ist nämlich, dass es überhaupt gar nicht um Bestrafung geht. Oder darum, etwas auf keinen Fall tun zu dürfen. Die Sünden, also so etwas wie Geiz, Zorn oder Trägheit, sind Gedanken oder besser gesagt Dämonen, die einen befallen und davon abhalten, ein gutes Leben zu leben. Die Wurzel des Bösen, wenn man so will.

Bild aus dem Newsletter

Wenn man sich diesen Gedanken oder Dämonen hingibt, ist man nicht mehr fähig, für die Gemeinschaft da zu sein, man kreist in Gedanken nur noch um sich selbst. Wer zornig ist oder gierig, der oder die ist immer auf sich selbst bezogen und verliert den Blick für die Welt um sich herum.

Genau das finde ich so spannend. Diese Form von Theologie, die man eigentlich – so sagt es Angelika – als sehr moderne und kluge Psychologie oder Philosophie verstehen kann. Was macht ein gutes Leben aus? Wie können wir als Menschen in – Achtung, hier wird’s sprachlich kurz religiös – in Gottes guter Schöpfung leben?

Der Mönch und seine Gefühle

Der Ursprung dieser aufgelisteten „Laster“ stammt von einem Mönch, der im vierten Jahrhundert gelebt hat (also von dreihundertirgendwas bis dreihundertirgendwas!).

Er lebte in einem Kloster mitten in der ägyptischen Wüste, und dort hatten ihn anscheinend die Dämonen befallen. Einer ganz besonders: die Trägheit oder besser gesagt der Überdruss, eine - wie Angelika sagt - "Art Erschlaffung der Seele, innere Leere, Müdigkeit, Melancholie, Depression. Ihre Anzeichen sind innere Unrast, Suche nach Zerstreuung, unter Umständen auch hektischer Aktivismus zugunsten anderer, der sich gerne als Nächstenliebe tarnt.“

Der Blick aus dem Fenster im Zen-Kloster in der Schweiz

Dieser Mönch beschreibt vor über 1600 Jahren eine Szene, die man heute absolut nachempfinden kann. Er schreibt davon, dass er lesen möchte, aber abgelenkt wird, aus dem Fenster schaut und beginnt, sich über das Buch und die Schrift des Mönchs zu ärgern, der das Buch geschrieben hat. Dann legt er den Kopf hin, schläft ein und wacht erst wieder auf, weil der Hunger ihn weckt.

Er hat also keinen Bock. Keinen Kopf für das, womit er sich beschäftigen möchte. Er ist blockiert und beginnt, zornig zu werden. Der Überdruss ist zu groß. Oder wie der Wüstenmönch es sagt: Er ist von der Trägheit des Geistes befallen.

Das fand ich damals, am Beginn unseres Projekts, schon unfassbar, aber es überrascht mich heute immer noch. Wie klug das ist, dieses Gefühl der inneren Leere mit dem Wort Überdruss zu beschreiben. Und wie seltsam das eigentlich ist, dass es dieses Gefühl der inneren Leere auch vor über 1.600 Jahren in der Wüste gibt. Dass das offensichtlich nicht nur ein Gefühl unserer übervollen Zeit ist, sondern ein zutiefst menschliches.

Das finde ich erstaunlich. Und irgendwie auch sehr tröstlich.

Was meint ihr?

Schreibt uns gerne!

Zum Beispiel über dieses Formular hier:

tally.so/r/J9elp4

Btw: Das Foto oben ist auch von der Reise, von einem buddhistischen Zentrum mitten in den Schweizer Bergen, und unten seht ihr noch Andi und mich, etwas erschöpft, am Weg nach Köln :)

Wer vertiefend weiter lesen möchte, kann das mit einem Artikel von Angelika Walser tun:

jelinetz.com/2007/06/01/angelika-walser-sieben-todsunden-und-acht-laster/

Oder sich unser Buch inkl. Hörbuch oder auch "nur" das Hörbuch hier bestellen: shop.sisigrant.com/

Ich wünsch euch ein schönes Wochenende!

Bis bald,

Iris

Bild aus dem Newsletter
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