← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas, Mitherausgeber von The Kurious Magazine. Und weil wir ein Magazin für alle machen, die neugierig bleiben wollen, geht es heute um ein seltsames Konzept, das eigentlich genau dafür da ist: dass man einer Neugier folgt, ohne dass daraus gleich etwas werden muss. Es geht um Hobbys.
Nach meinem letzten Newsletter zum Thema "Endlichkeit"" habe ich einen sehr, sehr schönen Brief bekommen. Danke liebe Jule, ich habe mich sehr gefreut!
Und zur Erinnerung, wenn du Empfehlungen (irgendwelche Empfehlungen) für uns hast, dann kannst du sie uns hier zukommen lassen. Foto wieder ein Meisterwerk von meiner Partnerin Bogi. Ok. Viel Spaß – heute etwas lang, aber das Thema hat mich gefesselt! ;)

Seitdem ich dieses Magazin mitgestalten darf, hat sich mein Small-Talk-Verhalten sehr verbessert. Also nicht, weil ich den Menschen jetzt gleich erzählen kann, dass ich „ein Herausgeber“ bin, sondern weil ich sie zu Dingen befragen kann, die uns beim Machen des Magazins beschäftigen. Ganz oben auf der Liste, falls wir uns einmal begegnen, ist die Frage nach deinen Hobbys. Das interessiert mich sehr und ich bin immer auf die Antwort gespannt.
Ich bin aber ziemlich überrascht, wie viele Menschen mir dann sagen, dass sie keine echten Hobbys haben. Oft gibt es auch eine nachdenkliche Pause vor der Antwort. Sie fühlen sich tatsächlich etwas unangenehm ertappt. Ich frage mich oft, warum das so ist. Denn eigentlich kann einem das ja auch egal sein. Also gut, dann hat jemand halt kein Hobby. Es gibt ja Schlimmeres. Aber irgendwie wissen wir, dass es komisch ist. Wie ein Zeichen dafür, dass im Leben irgendwas schiefläuft.

Freizeit ist ja eigentlich eine ziemlich große zivilisatorische Errungenschaft. Dass viele von uns überhaupt Zeit haben, etwas zu tun, das weder Erwerbsarbeit noch notwendige Hausarbeit ist, ist historisch gesehen ziemlich neu. Noch vor gar nicht so langer Zeit waren Arbeitstage deutlich länger, freie Samstage keine Selbstverständlichkeit, Urlaube kürzer oder gar nicht vorhanden, und ein großer Teil der übrigen Zeit ging für Dinge drauf, die heute Maschinen, Infrastruktur oder Dienstleistungen erledigen: Waschen, Heizen, Kochen, Einkaufen, Reparieren, Organisieren. Dass man heute an einem Sonntagnachmittag töpfern gehen, Gitarre lernen, Vögel beobachten oder in einem Verein Tischtennis spielen kann, ist schon ein ziemlicher Luxus.
Doch die Wertschätzung für diesen Luxus ist, sofern ich meinen eigenen Erfahrungen Glauben schenken kann, irgendwie verloren gegangen. Wobei ich nach der langen Pause auf die Frage nach den Hobbys irgendwann dann oft noch einen interessanten Nachsatz höre: Ich hatte mal welche, aber ich habe damit irgendwann einfach aufgehört.
Auch ich habe so eine Geschichte. Ich habe mir Anfang 30 eine Gitarre gekauft und über ein halbes Jahr wirklich jeden Tag geübt. Eigentlich sogar mit Begeisterung. Ich war wirklich nicht gut, aber ich habe geübt. Dann habe ich eines Tages meine Nachbarin am Gang getroffen. Sie fragte: „Andreas, spielst du jetzt neuerdings Gitarre?“ Ich sagte: „Ja.“ Und sie sagte darauf lachend: „Ah, du bist das. Andreas, ich muss dir sagen, ich habe wirklich noch nie jemanden schlechter spielen gehört.“
Das war sehr lustig. Wir haben beide darüber gelacht. Sie war eine sehr liebe und gute Nachbarin, mit einem Hang zur absoluten Ehrlichkeit, den ich eigentlich sehr geschätzt habe. Sie erzählte mir auch am liebsten ihre Geschichten aus dem AKH Wien, dem größten Krankenhaus Europas. So zwischen Tür und Angel kamen dann Sätze wie: Sie habe gerade einen Patienten gehabt, der Würmer im Kopf hatte, und das sei gar nicht so selten.
Aber zurück zur Gitarre: Ich habe sie danach tatsächlich kein einziges Mal mehr angerührt. War tatsächlich so. Kein "Cap", wie das junge Menschen sagen würden. Kein einziges Mal. Diese Gitarre hat inzwischen zwei Umzüge mitgemacht und steht noch immer verstaubt, mit fehlender Saite, in einer Ecke. Als Erinnerung daran, dass ich es nicht geschafft habe, es auszuhalten, in etwas sehr, sehr schlecht zu sein und wahrscheinlich sehr, sehr schlecht zu bleiben.
Also ich habe ja eine These, warum wir uns heutzutage so schwertun mit dem Hobbys-Haben. Das ist natürlich nicht die allein gültige. Denn viele Menschen haben halt auch keine Zeit mehr, wegen Kindern, wegen Lebensumstellungen usw. usf. Aber trotzdem glaube ich, dass viele Menschen, so wie ich, mit einem Hobby aufhören oder, noch schlimmer, gar nicht damit anfangen, weil man glaubt, darin gut sein zu müssen, um es überhaupt machen zu dürfen. Was ja an sich schon ein absoluter Widerspruch ist. Denn egal, was wir beginnen, wir sind einfach schlecht darin. Wir haben verlernt, etwas einfach schlecht machen zu dürfen.
Wir leben in einer Zeit, in der fast alles, was man tut, sofort zu einer Identität wird. Wenn man läuft, ist man nicht einfach jemand, der eine Runde laufen geht. Man ist Runner. Dann braucht man carbon-plated Schuhe, Uhr, Plan, Pace, Strava. Wenn man malt, malt man nicht einfach an einem Nachmittag ein bisschen herum. Sondern man fragt sich, ob man das nicht auf Instagram stellen sollte. Ob man irgendwann eine kleine Ausstellung machen kann. Wenn man Yoga macht, ist man plötzlich ein Yoga-Mensch. Wenn man surft, ein Surf-Mensch. Wenn man klettert, ein Kletter-Mensch.
Sobald ein Hobby Teil der eigenen Identität wird, entsteht dieser Druck: Dann sollte man bitte auch gut darin sein. Denn wenn ich sage: Ich bin Läufer, aber ich laufe langsam, wer bin ich dann? Wenn ich sage: Ich male, aber es sieht nicht besonders gut aus, darf ich das dann überhaupt sagen? Wenn ich sage: Ich spiele Gitarre, aber eigentlich kann ich nur drei Akkorde, ist das dann ein Hobby oder nur peinlich?
Ich glaube, genau da geht gerade etwas verloren. Nämlich die sehr menschliche Freude daran, etwas einfach zu tun. Nicht auf hohem Niveau. Nicht professionell. Nicht beeindruckend. Nicht vorzeigbar. Sondern einfach so, auf diesem hoffentlich irgendwann mittelmäßigen, etwas wackeligen Level. Ich mag das Wort Dilettant eigentlich sehr. Wenn man nachschaut, was es heißt, dann findet man:
Ein Dilettant — vom lateinischen delectare, sich erfreuen — ist jemand, der eine Kunst oder Wissenschaft aus Liebhaberei betreibt, ohne eine professionelle Ausbildung.
Also nicht jemand, der etwas nicht richtig kann. Sondern im ursprünglicheren Sinn: jemand, der etwas aus Liebe dazu tut. Eine Dilettant:in muss nicht die Beste sein. Man muss aus sich keine Marke machen. Man muss keinen Content produzieren, keine Community aufbauen, keine Meisterschaft gewinnen, kein Zertifikat machen, keinen Fortschritt nachweisen. Man darf einfach anfangen. Und dann weitermachen. Und besser werden, oder auch nicht.
Natürlich kann es sehr schön sein, in etwas richtig gut zu werden. Ich will das gar nicht kleinreden. Es gibt ja eine eigene Tiefe — vielleicht sogar Bewusstseinsstufe?! —, die erst durch Übung, Wiederholung und tiefes Können entsteht. Wer ein Instrument wirklich beherrscht, erlebt Musik anders. Wer jahrelang klettert, erlebt Fels anders. Wer sehr gut malt, empfindet Formen anders. Aber es gibt auch eine ganz eigene Freude am Anfang. An dieser Phase, in der man noch nicht weiß, was man tut. In der alles neu ist. In der man ständig Fehler macht. In der man sich freut, weil plötzlich irgendwas ein kleines bisschen besser klappt als letzte Woche. Vielleicht sind die besten Jahre eines Hobbys manchmal gar nicht die, in denen man schon selbstverständlich weiß, was man tut. Sondern die, in denen man noch verstehen lernt, um was es eigentlich geht.
Wenn man ein Hobby mit der Erwartung beginnt, schnell (oder überhaupt??) gut darin zu werden, ist das Scheitern fast schon eingebaut. Viele von uns hören dann sehr schnell wieder auf. Und übrig bleibt oft nur jene Freizeit, die am wenigsten Risiko birgt: passives Scrollen, Serien, Bildschirm, Konsum. Dinge, bei denen man nicht scheitert, weil man gar nicht wirklich etwas tut. Das ist natürlich manchmal auch okay. Ich will hier nicht so tun, als würde ich nie abends irgendwo hängen bleiben und mein Gehirn auf Netflix verlieren. Aber als Lebensmodell ist es zu wenig.
Also hier eine kleine Verteidigung des Dilettantismus: Fang etwas an, worin du nicht gut bist. Mach es schlecht. Mach es langsam. Mach es ohne Ziel. Mach es, ohne es zu posten. Mach es, ohne dir gleich die beste Ausrüstung zu kaufen. Mach es, ohne daraus eine Persönlichkeit zu bauen. Mach es, ohne dich zu schämen. Mach es einfach, weil du Lust darauf hast.
Diese kleine pathetische Ansprache gilt auch mir selbst. Und mal sehen, ob ich die Gitarre dieses Wochenende aus dem Eck hole.
Liebe Grüße und schönes Wochenende
Andreas