← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Meine Kollegin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.
Heute gehts ums Lesen. Genauer: wie man sich heutzutage eine eigene, souveräne Lesekultur aufbaut. Davor noch eine Buchbesprechung (diesmal Konrad Lorenz) und ein kurzes Update zu meiner Smartphone-Sucht. Viel Spaß – und einen schönen Start ins Wochenende!
Und auch noch: danke an meine liebe Partnerin Bogi, die immer die besten Fotomotive findet.


Ich weiß nicht, ob euch der Name Konrad Lorenz etwas sagt. Ich war zwar noch nicht ganz vier Jahre alt, als er gestorben ist (1989), bin aber trotzdem mit seinen Tierdokumentationen groß geworden – die ich mir teilweise noch auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher angesehen habe. Meistens mit meiner Mutter auf der Stubenbank. Konrad Lorenz war der Begründer der Verhaltensforschung, also eigentlich eines komplett neuen Wissenschaftszweigs, der sich irgendwo zwischen Zoologie und Psychologie angesiedelt hat.
Berühmt ist er vor allem für seine Forschung an den Graugänsen geworden. Dabei hat er ihnen beigebracht, ihn für ihre Mutter zu halten. Das Phänomen heißt Prägung: Eine frisch geschlüpfte Gans hält jenes Wesen, das sie in den ersten Stunden ihres Lebens sieht, für Mama, und folgt ihm dann, egal ob das eine Gans ist oder ein bärtiger Österreicher im Gummistiefel. Das Bild von Lorenz, wie er mit einer Schar Gänse im Schlepptau durchs Schilf stapft, hat sich bei mir (und wahrscheinlich auch vielen anderen) als Erinnerung eingebrannt. 1973 hat ihm seine Forschung dann auch den Nobelpreis eingebracht.
So weit die sonnige Seite. Aber dann gibt es auch noch die dunkle, und die erzählt die Biografie von Taschwer und Föger natürlich auch. Denn Lorenz war nicht nur der onkelhafte Gänsevater, als den ihn meine Kindheit abgespeichert hat, sondern auch ein überzeugtes NSDAP-Mitglied, das in den frühen 1940er-Jahren Texte verfasst hat, in denen er Begriffe aus seiner Tierforschung – Domestikation, Degeneration, Ausmerze – mit einer Selbstverständlichkeit auf Menschen übertragen hat, bei der es einem heute graust. Lorenz hat sich später auch nie wirklich dafür entschuldigt, sondern nur bedauert, diese Konzepte nicht streng wissenschaftlich, sondern eben auch in „NS-Sprache" kommuniziert zu haben. Seine von den Autoren belegte Mitgliedschaft in der NSDAP hat er zudem bis zu seinem Tod verleugnet.
Wobei es ihm auch nicht gerecht wird, ihm vorzuwerfen, nach 1945 noch „Nazi" gewesen zu sein. Er hatte viele Freunde, die mitunter ein KZ überlebt hatten, aber lebenslang Freunde mit ihm blieben und sich für ihn verbürgten. Das Ganze ist also sehr viel verwickelter, und man versucht beim Lesen für sich selbst zu verstehen: Wie konnte so ein intelligenter und, nach den Erzählungen seiner Liebsten, liebevoller Mensch sich so verirren? Wie kann derselbe Mensch mit so einer Begeisterung die Natur und das Leben lieben und auf einem anderen Feld so tief danebengreifen? Und was heißt das für uns, wenn wir heute über Verhalten, Natur und „den Menschen an sich" sprechen? Wie kann man den Menschen als biologisches Wesen beschreiben und begreifen, ohne in dieselbe Falle zu tappen? Fragen über Fragen.
Das Buch ist wirklich toll geschrieben!
Das letzte Mal habe ich euch ja offenbart, dass ich fast fünf Stunden am Tag mit meinem Smartphone verbringe und mir deswegen ein Klapptelefon angeschafft habe. Das Ganze läuft auch gar nicht schlecht. Also, ich verwende mein Smartphone noch immer, aber es hat keine SIM-Karte mehr (also nur noch WLAN-Internet), und übers Wochenende drehe ich es fast komplett ab.
So hat sich mein täglicher Schnitt mehr als halbiert (1:50h). Immer noch mehr, als ich möchte, aber schon ein Riesenschritt.
Die Zeit, die ich mir spare, verbringe ich tatsächlich mit Lesen. In den letzten zwei Wochen hat sich das dann eben in fast 500 Seiten Konrad-Lorenz-Biografie ausgedrückt. Ich lese ja auch beruflich viel, aber immer wieder fällt mir auf: Sich einem ganzen Buch zu widmen, auf Papier, ist etwas ganz anderes als das Lesen digitaler Artikel. Das Buch begleitet einen durch den Tag, taucht beim Einkaufen wieder auf, beim Kochen oder einfach so im Gespräch. Man fängt an, die Welt durch das Buch zu lesen – und natürlich auch umgekehrt.
Soweit erfüllt das Klapptelefon also seinen Zweck. Auch wenn es wirklich ALLEN und vor allem meiner Partnerin auf die Nerven geht. Weil es viele Dinge verkompliziert: das gemeinsame Einkaufen, das Erreichbarsein, die kleinen Selbstverständlichkeiten des Alltags.
Das Leben wird unbequemer, aber eben auch besser. Eine Korrelation, die ich bei vielen Dingen beobachten kann.
Witziges Detail am Rande: Es hat sich eine Filmemacherin bei mir gemeldet, die diesen Newsletter liest (Hallo Constanze!), und sie möchte mich in einer Fernsehdoku zu Wort kommen lassen, in der es genau darum geht: wie Menschen (wie ich) versuchen, ihr (digitales) Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich fühl mich jetzt schon wie ein Hochstapler. Wenn das Ganze abgedreht ist, teile ich es natürlich mit euch.

Wie es der Zufall so will, ist mir genau in der Woche, in der ich mich geistig ohnehin schon mit dem Lesen beschäftigt habe, auch ein (sehr) langer Essay über das Leseleben selbst untergekommen. Anna Gát hat ihn geschrieben. Sie ist Gründerin einer Online-Literatursalon-Plattform namens Interintellect.
Ihre Grundthese: In einer Zeit, in der uns ständig jemand erklärt, was wir als Nächstes lesen sollen (Tech-CEOs auf X, Algorithmen auf Instagram, die Bestsellertische im Buchladen), ist es fast ein kleiner Akt der Selbstbehauptung geworden, sich eine eigene Lesekultur aufzubauen. Also ein:e souveräne:r Leser:in zu werden, und sich so etwas wie einen persönlichen Kanon aufzubauen, der nur einem selbst gehört.
Eben nicht das zu lesen, was alle lesen, sondern das, was zu dir passt: zu deinem Leben, deiner Neugier, deinen Abneigungen usw. usf.
Dabei ist mir ein Zitat am Anfang des Essays besonders hängen geblieben – ihr Hook hat mich sozusagen gehooked:
„Contemplation, the ability to withdraw into one's own thoughts, and discussion, the willingness to compare and share our thoughts with other people, are our birthrights. Together, these two comprise what is called an intellectual life – as crucial to one's sense of wholeness and place in the world as is their professional, family, or physical life. While none of us is born knowing big words, we are all born capable of big ideas."
Also: Wir alle haben ein Recht auf ein eigenes intellektuelles Leben.
Eines, das nicht besser oder schlechter ist als das einer anderen Person. Das finde ich einen schönen Gedanken. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich als Schulabbrecher immer irgendwie dumm gefühlt habe, weil ich nicht dasselbe gelesen hatte wie meine Freunde in der Oberstufe.
„While none of us is born knowing big words, we are all born capable of big ideas." Hier ein paar ihrer Tipps, wie man sich diesen "eigene Kanon" aufbauen kann:
Jetzt möchte ich noch Tipp 3 sofort anwenden => ich weiß es ist immer etwas mühsam, die ganze Zeit was auszufüllen: aber hier könnt ihr mir eure Buchempfehungen hinterlassen! Ich teile sie dann im nächsten Newsletter! Und hiergehts zu ihrem ganzen Artikel!
Du hast Feedback? Per Mail oder per Whatsapp! Ihr erreicht uns unter hallo@thekuriousmag.comund auf Whatsapp!