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Der Kurious Letter
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18
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5/6/2026

Wie authentisch kann man sein? 🔍

Nach einem Dreh fürs Fernsehen fragt sich Andreas: Wo verläuft die Grenze zwischen Authentizität und gespielter Rolle?

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas, Mitherausgeber von The Kurious Magazine. Und zuerst einmal ein kleiner Disclaimer: Ihr wisst ja inzwischen, dass ich ein existentialist Millennial bin. Deshalb gibt es diese Woche wieder eine fast schon stereotypische Auseinandersetzung (mit mir selbst).

Und zwar mit der Frage: Wie authentisch kann man eigentlich sein?

Andreas vor einem Kamerasetup in seiner Wohung

Ich fühle mich fake

Entstanden ist dieses Gefühl, weil ich diese Woche fürs Fernsehen interviewt wurde, für 3sat.

Das ist tatsächlich passiert, weil eine Redakteurin diesen Newsletter liest und auf meinen Text über mein Klapphandy gestoßen ist. Sie arbeitet gerade an einer Doku mit dem Arbeitstitel „Der neue Offline-Kult“, und da passen meine Geschichte und die Geschichte dieses Magazins offenbar ganz gut hinein. Deswegen kamen am Montag drei Menschen mit drei Kameras, Licht, Mikrofon und sehr klugen Fragen, um mit mir über mein Klapphandy, über Offline-Sehnsucht, über Neugierde, über The Kurious Magazine und über meinen ziemlich ungeraden Berufsweg von der Fabrikshalle zu dem, was ich heute mache, zu sprechen.

Andis verstaubte Gitarre

Das war eine ganz eigene Erfahrung.

Einerseits fühlt man sich natürlich geschmeichelt. Jemand interessiert sich für das, was man macht und sagt. Andererseits hat mich dieses Interview die ganze Woche etwas nachdenklich gemacht. Es hat eine Frage aufgeworfen, die ich bis jetzt für mich noch nicht wirklich beantworten konnte: Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Authentizität und Rolle? Also: Wann erzählt man ehrlich von sich? Und wann beginnt man, eine Version von sich zu spielen, weil man weiß, dass diese Version gerade erwartet wird? Oder weil man merkt, dass sie funktioniert und man dadurch einen Vorteil gewinnt?

Diese Auseinandersetzung hat sich beim Dreh quasi von selbst aufgedrängt. Denn beim Fernsehen muss man Szenen wiederholen. Man macht etwas, und dann macht man dasselbe Ding noch zwei- oder dreimal. Man redet teilweise sogar zwei- oder dreimal über dasselbe, bis es im Kasten ist. Das heißt: Das Format erzwingt unweigerlich eine gewisse Form von Schauspiel.

Selbst wenn man ehrlich antwortet, wird diese Ehrlichkeit wiederholt. Und schon da fühlt es sich schon ein bisschen weniger echt an. Und das ist, wenn man drüber nachdenkt, eigentlich nicht nur im Fernsehn so. Auch die Geschichten, die ich abseits der Kamera über mich selbst erzähle, erzähle ich wieder und wieder. Ich erzähle sie anderen. Ich erzähle sie mir selbst. Und irgendwann wird aus etwas, das einmal sehr echt war, eine eingeübte Erzählung. Nicht unbedingt eine Lüge. Aber eben auch nicht mehr ganz dasselbe wie am Anfang.

Schauspiel oder Wirklichkeit?

Ich schreibe heute auch darüber, weil diese Frage mitten in das Magazin hineinreicht, das wir hier machen. Denn das Ziel ist ja, etwas zu schaffen, das ein bisschen aus den üblichen Aufmerksamkeitslogiken aussteigt. Mit Geschichten und Inhalten, bei denen man Menschen durchspürt. Ihre Neugierde. Ihre ernsthafte Auseinandersetzung. Ihre Begeisterung für Dinge, die nicht sofort einer Verwertungslogik folgen. Und wir wollen das auch ganz ohne Clickbait und falsche Versprechen machen.

Das Komplizierte daran ist, dass wir natürlich trotzdem um die Aufmerksamkeit von Menschen kämpfen. Also in einem Spiel mitmachen, aus dem wir eigentlich aussteigen wollen.

Denn natürlich funktioniert kein Magazin ohne Leser:innen und ohne Menschen, die dafür Geld bezahlen wollen. Und sobald Geld, Positionierung und Öffentlichkeit ins Spiel kommen, stoßen wir mit unserem Anspruch schnell an unsere Grenzen.

Ich kann auch ganz konkrete Beispiele geben: Im Herbst werden wir eine Kampagne zur Finanzierung der nächsten Ausgaben starten. Wenn man sich umschaut, fällt auf, dass bei solchen Kampagnen oft die größten Schreckensszenarien bedient werden, um Menschen zu mobilisieren. Alles wird auf Überlebenskampf gerahmt. Im Sinne von: Wenn dieses Medium stirbt, stirbt auch die Demokratie, die freie Gesellschaft, eine wichtige Auseinandersetzung mit einem Thema und so weiter und so fort.

Ich verstehe schon, warum man das macht. Man muss Dringlichkeit erzeugen. Aber gleichzeitig wird dabei auch der eigene Selbstzweck verschwiegen. Man will nicht nur die Welt retten. Man will auch das eigene Projekt retten. Man will weiter daran arbeiten können. Man will damit den eigenen Lebensunterhalt finanzieren. Manche wollen vielleicht sogar ein Imperium bauen. Und das ist ja nicht falsch. Es wäre nur ehrlicher, es nicht komplett hinter großen Gemeinwohl-Erzählungen zu verstecken.

Denn natürlich geht die Welt nicht unter, wenn es genau dieses eine Medium nicht mehr gibt. Gleichzeitig stimmt aber auch: Wenn das immer öfter passiert, wenn immer mehr Medien sterben, wenn immer weniger unabhängige Stimmen übrig bleiben, dann hat das natürlich negative Rückwirkungen auf die Gesellschaft.

Bild aus dem Newsletter

Für The Kurious Magazine stellen sich aber noch andere Fragen. Wenn wir sagen, dass wir uns ernsthaft mit Offline-Leben und dem Aussteigen aus der digitalen Überforderung beschäftigen, dann müssen wir uns auch fragen, welche digitalen Formate wir überhaupt verwenden.

Wir haben zum Beispiel einen Instagram-Kanal. Viele von euch sind wahrscheinlich überhaupt erst auf diesen Newsletter gestoßen, weil wir dort Meta-Ads schalten. Also wir geben Meta tatsächlich Geld dafür, damit unser Magazin und dieser Newsletter Menschen genau dort angezeigt wird, wo wir eigentlich nicht sein wollen. Das ist an sich schon ein seltsamer Widerspruch.

In solchen Zwiespalten bewegen wir uns die ganze Zeit. Iris und ich diskutieren eigentlich wöchentlich darüber, was noch pragmatisch ist und wo unsere Position zum Schauspiel wird.

Wie viel "Selbst" kann man eigentlich sein?

Dabei ist aber auch die Idee einer absolut authentischen Haltung an sich schon eine Fiktion. Es gibt nun mal auch kein richtiges Leben im falschen, um da gleich ein Adorno-Zitat zu bemühen. Wir existieren nicht im luftleeren Raum. Nicht als Medium und nicht als Mensch. Wir sind immer auch in politische und ökonomische Zwänge, in Beziehungen, in Rollen, in Abhängigkeiten, in Erwartungen eingebunden.

Ich verhalte mich allein am Schreibtisch anders als vor der Kamera. Mit meiner Partnerin rede ich anders als mit meiner Steuerberaterin. In der Öffentlichkeit schreibe ich anders als in einer privaten Nachricht. Und das ist nicht automatisch fake. Es ist erst einmal nur die Tatsache, dass sich dieses Selbst, das wir suchen, eigentlich immer im Verhältnis zur Situation und zum Gegenüber herstellt. Und es muss auch immer einen Selbstzweck in der Kommunikation geben, weil es sonst gar keine Kommunikation gäbe.

Aus dieser Perspektive könnte ich jetzt sagen: What’s the problem?

Und genau da wird es eigentlich interessant. Denn in dieser Logik kann man sich natürlich auch vieles schönreden und die eigene Verantwortung dafür, seinem Umfeld gegenüber ehrlich entgegenzutreten, komplett aufgeben. Die ehrlichste Form von Authentizität ist daher wahrscheinlich: der Versuch, die eigenen Widersprüche nicht unter den Teppich zu kehren, sondern in der eigenen Geschichte offen mitzuerzählen. Wobei es wahrscheinlich kaum etwas schwierigeres gibt. Ob uns das gelingt, steht in den Sternen!

Ok. Das war’s! Ich wünsche euch ein schönes Wochenende. Liebe Grüße

Andreas

Lass uns zusammen Neugierig sein!